Muss ich schön sein, um mich selber akzeptieren zu können?

Muss ich schön sein, um mich selber akzeptieren zu können?

Gestern habe ich einen Artikel von meiner geschätzten Kollegin Nadja Brenneisen auf watson gelesen. Darin beschreibt Nadja das Phänomen, dass viele Mitglieder der body positive community gleichzeitig den Anspruch erheben, schön zu sein. Love your Bauchfett, aber nur, wenns schön aussieht.

Schon seit einiger Zeit mache ich mir ähnliche Gedanken: Natürlich arbeite ich stetig daran, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich aussehe. Inklusive Hüftspeck, wirren Haaren und unreiner Haut. Und wie ich hier bereits beschrieben habe, fällt es mir nicht immer einfach – gerade aus feministischer Perspektive.

Der Haken liegt aber woanders: Mir fällt auf, dass über viele Instagram-Bilder mit dem Hashtag #bodypositivity oder #loveyourself auch ein Filter gelegt wird, dass die Kameraperspektive besonders schmeichelnd ist, kurz: dass die Leute auf den Bildern meistens noch immer wunderschön aussehen. Das an sich ist ja nichts schlimmes.

Aber: Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass dieses «schön sein wollen» einen sehr grossen Teil dieser Community ausmacht. Was will man denn mit der körperpositiven Bewegung erreichen? Dass wir jeden Körper, jedes Fettröllchen als schön empfinden? Der Gedanke klingt ja eigentlich nicht schlecht. Aber ist das wirklich nötig? Für mich liegt dahinter nämlich die Überlegung, dass Unschönes weniger wert hat. Dass ich, wenn ich schön bin, besser bin als andere. Und dass ich deshalb auch dann schön aussehen muss, wenn ich meinen vermeintlich unperfekten Körper präsentiere.

Ich möchte keine falschen Signale setzen. Natürlich finde ich es begrüssenswert, wenn sich Menschen auf Social Media so zeigen, wie sie wirklich aussehen. Und ich bin überzeugt, dass man damit einen entscheidenden Beitrag dazu leisten kann, wie man sich selbst wahrnimmt. Wenn eine 14-Jährige auf Instagram mehr und mehr Fotos von Menschen sieht, wie sie wirklich aussehen, macht das auch etwas mit ihrem Selbstbild. Aber trotzdem möchte ich mich nicht immer schön fühlen müssen, um mir selbst etwas wert zu sein. Vielleicht können wir aufhören, alles, was mit Körper und Aussehen zu tun hat, in «schön» oder «hässlich» zu kategorisieren. Wir schulden niemandem, schön zu sein.

Ich habe darum auf Instagram ein Experiment gestartet und bin selber gespannt, was es mit mir macht. Wer möchte, ist herzlich eingeladen, mitzumachen!

 

this morning, I read an article about the flaws of the #bodypositive movement on social media. and I realized how beautiful many of these so called body positive bloggers and instagrammers are. how perfect they seem in their pictures, even if there’s a tiny bit of belly fat. I realized even in this body positive community, I rarely see pictures with no filter. it seems we’re still trying to look beautiful, because it seems to be important to us. but we don’t owe anybody to look beautiful. and at the same time, not looking „good“ right now shouldn’t make us feel miserable. our looks should not dictate our feelings. don’t get me wrong, I kinda feel the same way. the picture above is the second shot I took because I didn’t like the first one. and I still tilted my head a little bit to get a slightly better angle of my face. but I tried to catch the moment after I woke up (and put my glasses on, haha) as pure and raw as I could. and it felt weird but that’s where I come from I guess. so I want to try and change the way I see myself and others on social media. I will continue this experiment and post pictures of me and my body that are as raw and realisticly looking as possible – without the attempt to look beautiful in the first place – and see how it makes me feel. will it change anything? will I be sad and depressed? we’ll find out. if you’d like to join me, I will use the hashtag #theclitsarealright on every picture I take during the experiment. letz do this! 🙌🏻🙌🏻🙌🏻 #feminism #girlpower #bodypositivity

Ein von The Clits Are Alright (@theclitsarealright_blog) gepostetes Foto am

Beitragsbild: flickr / gaelx


3 thoughts on “Muss ich schön sein, um mich selber akzeptieren zu können?”

  • hallo miriam

    gute frage! auch dein post zur body positivity gefällt mir.

    schon seit geraumer zeit beschäftigt mich dieses thema. ich arbeite an einem projekt bei dem ich menschen mittels einem „fotocoaching“ helfen möchte diese body positivity (wieder) zu finden. warum? um sich schön zu finden. ist es wichtig schön zu sein, sich schön zu finden? diesem schönheitswahn zu folgen? weil unschönes weniger wert hat?

    aus meiner sicht gibt es verschiedene punkte zum weiterdenken:

    – c’est la beauté qui sauvera le monde. schönheit wird die menschheit retten heisst es irgendwo. ich glaube, la beauté (gefällt mir besser als schönheit welches für mich ein bisschen klinisch tönt) ist enorm wichtig für den menschen. es mag sich jetzt ein bisschen geschwollen anhören aber ich denke, sie erhebt die seele. sie bringt den menschen zum staunen, zum sich freuen, zum bewundern, zum zufrieden und glücklich sein. wir werden tagtäglich mit so viel mist zugemüllt dass es wichtig ist, dass wir der beauté bewusst einen platz einräumen. und plötzlich wird man dankbar für das was man hat und ist.

    – abgesehen davon dass die kleiderproduzenten die grössen immer kleiner schneidern ist es auch eine tatsache, dass unser körper altert und sich damit verändert. viele menschen meinen, sie müssen unbedingt abnehmen weil sie nicht mehr in die 10 jahre alte lieblingshose passen. mein gott hilfe! ich habe zugenommen. nein, man ist einfach älter und weiser geworden und kauft sich jetzt eine neue hose, die ein oder vielleicht auch zwei nummern grösser ist. so what, bequem soll es sein, oder? schönheit wird nicht durch eine zahl definiert sondern ist eine einstellung. ich höre sie jetzt schon, all die frauen die meinen, man dürfe sich nicht gehen lassen, man müsse sich im griff haben, lieber eine zusätzliche stunde fitness und auf die cremeschnitte verzichten als zunehmen denn das wäre der anfang vom ende. ich weiss was sie meinen. aber wer redet hier von schlampig sein? mir geht es um akzeptanz und respekt vor sich selber. es gibt menschen, die können sich nicht mehr respektieren, meinen, haltlos geworden zu sein wenn sie 3kg zugenommen haben. mir scheint, diese menschen sind sehr streng mit sich, eine gewisse disziplin ist wichtig im leben, ja. aber, wie alles im leben, mit mass. ich denke, man soll nicht übertreiben, nicht untertreiben und eine gewisse lockerheit hilft immer. alle 10 jahre 3kg mehr zu wiegen ist doch das natürlichste der welt. solange man sich ausgewogen ernährt und auch mal an die frische luft geht seh ich (!) das problem nicht.

    – den nackten tatsachen ins auge sehen. sich vor den spiegel stellen, was mag ich an mir, was weniger, und das akzeptieren. ich hatte (und habe es immer mal wieder) ein problem damit, meinen körper so zu akzeptieren wie er ist. mir persönlich hat es enorm geholfen mit anderen menschen zusammen nackt in der natur die freizeit zu verbringen. das war eine grossartige schule für mich um nackte tatsachen akzeptieren zu lernen. kein verstecken, verschönern, kleinreden. so what? ich bin genau gleich intelligent, blödsinnig, charmant, introvertiert, hilfsbereit und doof wie immer und alle akzeptieren mich so wie ich bin. und plötzlich schaut man den menschen als ganzes an, nicht nur seine garderobe, es gibt nichts zu verstecken. man muss sich so akzeptieren wie man ist und akzeptiert auch die anderen viel mehr. es war enorm schwierig aber es hat mir sehr geholfen. man findet dort auch behinderte menschen und frauen, denen eine brust (oder beide) fehlt und alle sagen, hier würden sie als ganzer mensch akzeptiert und geachtet. abgesehen davon ist es auch extrem angenehm und fühlt sich grossartig an, so ganz ohne. unglaublich, was so ein kleiner fetzen stoff für einen unterschied macht. ich weiss, das ist nicht jedemanns sache, aber die sicherste garantie seinen körper nicht mehr ganz oder teilweise zu hassen.

    – geht es beim schön sein nicht vor allem darum, beachtet und akzeptiert zu werden? ich bin überzeugt davon, dass JEDER mensch schön IST. auf seine art. meine idee ist es, dies den menschen mittels fotos ihrer körper und gesprächen aufzuzeigen. dies mit dem ziel, dass sie sich selber schön FINDEN, sich akzeptieren können und, vor allem, sich gerne haben, so wie sie sind, speckröllchen hin oder her. für mich sind lippenstift, wimperntusche oder high heels ein hilfsmittel um sich schön(er) zu machen, zu finden. krücken, die man eigentlich nicht braucht. die wahre schönheit kommt von innen, ist im auge des betrachters. wenn man sich selber, ganz natürlich, ohne jegliche hilfsmittel, schön findet strahlt man das auch aus und das wirkt mehr als jeder lidschatten. was nicht heissen soll, dass man diese stilmittel nicht auch bewusst einsetzen soll/kann/darf. für mich (!) gilt auch hier mass halten. ich glaube, dass wirklich jedes fettröllchen oder -rolle schön ist, jedes orangenhäutchen und jede cellulitis zu einer reifen frau gehört wie ein wasserzeichen zu einem edlen papier. ich finde zum beispiel ausnahmslos jeden menschen hier (https://thenuproject.com/recent-work) schön. der eine oder die andere ist mir vielleicht auf den ersten anhieb weniger sympathisch aber schön sind sie alle!

    gerade in der heutigen zeit wo wir von bildern überflutet werden scheint mir die body image positivity ein wichtiger aspekt zu sein um den frauen mehr power zu verleihen. das ist mir enorm wichtig und deshalb möchte ich dieses coaching anbieten. dass ich ein mann bin soll dabei keine rolle spielen. bei der ganzen schönheitsdiskussion geht es darum, sich selber gerne zu haben und wer sich gerne hat hat energie zum verschenken und lässt sich nicht so leicht fremdbestimmen, weiss was gut und richtig für einen selbst ist.

    und, was hat dein experiment in der zwischenzeit mit dir gemacht?

    herzliche grüsse,
    sven

    p.s.: bald gibt’s übrigens einen film zum thema: https://youtu.be/__2AayArYfs

    • Lieber Sven, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Toll, von deinen Erfahrungen zu lesen. Ich glaube, es geht beim „sich selbst schön finden“ auch darum, dass das die Art von Bestätigung ist, die wir oberflächlich als Gesellschaft am stärksten gewichten. Dabei gehts ja in erster Linie meist darum, sich äusserlich schön zu finden. Wobei auch das Thema Self Care immer mehr Beachtung findet, was natürlich super ist. Ich glaube, jede und jeder muss für sich herausfinden, welche Strategie am besten und vor allem am nachhaltigsten funktioniert.

      Zu meinem persönlichen Projekt: Das lag in letzter Zeit etwas brach, muss ich gestehen. Ich werde es aber bestimmt wieder aufnehmen und weiter beobachten.

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