Was ich als Feministin so gefragt werde – und was ich dazu zu sagen habe

Was ich als Feministin so gefragt werde – und was ich dazu zu sagen habe

„Du bist Feministin – was hast du gegen Männer?“
Uff. Eine Frage, die mich immer wieder in eine Ecke drängt, in der ich mich überhaupt nicht sehe. Ich habe nichts gegen Männer. Ich habe zum Beispiel grundsätzlich auch nichts gegen Fleischesser einzuwenden. Mich stören allerdings die industrielle Fleischproduktion und unreflektiertes Fleisch-Essen. Mein Feminismus kämpft nicht gegen Männer, sondern gegen das Patriarchat –  eine männlich geprägte Machtstruktur. Eine Machtstruktur, die Frauen sagt, wie sie auszusehen haben, was sie anziehen müssen, wie schwer und gross sie sein sollen, wie sie verhüten und welche Antifalten-Creme sie benutzen sollen. Mit wem sie Sex haben und wie oft, wann sie Kinder haben müssen und wann nicht. Und sie dann dafür verurteilt, wenn sie selbstbestimmt handeln. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, schrieb schon 1949 die inspirierende Simone de Beauvoir in ihrem extrem wichtigen Werk Das andere Geschlecht und behält damit auch heute noch Recht.

Das Patriarchat hat schrecklich ungesunde Auswirkungen auf uns alle: Es steckt uns in eine starre Zwangsjacke aus Geschlechterklischees. Das wiederum hat Auswirkungen auf unser soziales Denkmuster: Männer müssen stark sein und Autorennen schauen und Frauen sind schwach und putzen die Küche. Männer die gerne kochen sind irgendwie schwul und schwul ist scheisse, weil schwach, und so weiter. Das Patriarchat schadet also auch dem Mann. Ein solches System sozialisiert Jungs darauf, stark sein zu müssen. Und laut. Damit sie alles kriegen, was sie wollen, denn nur so bekommen sie es. Es trainiert junge Männer darauf, zu denken, dass generell alle Frauen „hard to get“ spielen – wie es den Frauen wiederum von Frauenmagazinen gepredigt wird. Dieses Training hat eine beängstigend starke Basis für Rape Culture und Date Rape herangezogen.

Und leider ist es das grösste Anliegen einer patriarchalen Gesellschaft, alle, die nicht dem Rollenbild des mächtigen (weissen) Mannes entsprechen, zu enteignen, klein und schwach zu halten – denn nur so kann dieses System weiter funktionieren. Da sind Männer aufgrund ihres Geschlechts per Definition Teil davon. Aber, Überraschung, nicht jeder Mann findet das gut! Und nicht jeder Mann will in einer Gesellschaft leben, die von patriarchalen Strukturen geprägt ist. Also: Ich habe nichts gegen Männer. Aber ich habe etwas gegen unreflektiertes patriarchales Denken und Handeln – von Männern und Frauen.

„Du bist Feministin – findest du wirklich, dass es Feminismus heute noch braucht?“
Ich will nicht von der Klage anfangen, dass wir Frauen heute dem Feminismus so ziemlich alles zu verdanken haben, worüber wir uns mittlerweile keine Gedanken mehr machen müssen. Was natürlich nicht heissen soll, dass es nicht so ist. Aber der Punkt liegt woanders: Feminsimus braucht es, weil wir noch immer in einem sehr patriarchal geprägten Umfeld leben. Überall auf der Welt, mal stärker, mal weniger stark. Klar, das Patriarchat hatte ja auch ein paar Jährchen Zeit, sich zu manifestieren und sich in unsere Hirne als Normalzustand einzubrennen. Es geht mir nicht darum, alle Frauen als Opfer darzustellen – und es geht mir nicht darum, das Gegenteil zu behaupten. Denn die Frage, ob es Feminismus heute noch braucht, greift nicht weit genug. Sie müsste lauten: Für wen braucht es Feminismus? Für mich als weisse, heterosexuelle, einigermassen gut gestellte Schweizerin mit Zugang zu Bildung, eigenem Bankkonto und freier Partnerwahl? Oder für das siebenjährige iranische Mädchen, das in der Nacht nach ihrer Zwangsheirat an inneren Blutungen verstirbt? Braucht es Feminismus für die alleinerziehende Mutter, egal ob im Berner Oberland oder in der Bronx, die von einer gläsernen Decke nicht einmal träumt, weil sie damit beschäftigt ist, ihr Kind mit einem Teilzeitjob durchzufüttern, weil sie keine andere Arbeit findet? Oder braucht es den Feminismus für den jungen Mann, der nicht klar kommt mit der animalischen, bedrohlichen Darstellung von männlicher Sexualität in Mainstream-Pornos? Für das lesbische Paar, das auf Partys von Männern zum Küssen aufgefordert wird? Für die junge Frau, die ihre Sexualität selbstbestimmt auslebt, und dafür von der Gesellschaft als Schlampe beschimpft wird? Es ist einfach zu sagen, dass man den Feminismus als Individuum nicht braucht, weil man selbst stark genug ist und sich von solchen Problemen nicht betroffen fühlt. Aber das bedeutet nicht, dass der Feminismus grundsätzlich überflüssig und „tot“ ist.

„Du bist Feministin – warum schminkst du dich dann überhaupt?“
Beim Feminismus geht es um Selbstbestimmung. Wenn ich Lust habe auf Smokey Eyes, dann mache ich das. Und wenn nicht, dann lasse ich es. Ich schminke mich nicht, um Männern zu gefallen. Nicht immer, zumindest. Und wenn doch, dann geht auch das für mich in Ordnung. Und ich bin ausserdem überzeugt, dass sich viele Männer ebenso Make-Up, Bronzer und Highlighter ins Gesicht klatschen würden, wäre es gesellschaftlich akzeptierter.

„Du bist Feministin – warum ist dann dein Kleid so kurz?“
Auch hier: Weil ich manchmal Lust darauf habe. Und weil ich das selbst entscheiden kann und finde, dass diese Entscheidung jeder einzelnen Person zustehen sollte. Diese blödsinnige Frage entspringt übrigens der immer noch weit verbreiteten Meinung, dass Feministinnen „hässlich“ sind und sich auch „hässlich“ anziehen. Feministinnen wie Germaine Greer auf dem Cover der Londoner Zeitschrift Oz oder Gloria Steinem, die das Aussehen einer Sexbombe hatte und sich dadurch für ihre klasse Undercover-Reportage in Hugh Hefners Playboy Club in New York einschleusen konnte, beweisen das Gegenteil. Die englische Autorin Laurie Penny, die mit ihrem Buch Unsagbare Dinge meiner Meinung nach eines der wichtigsten feministischen Schlüsselwerke unserer Zeit geschriebe hat, trifft ins Schwarze: „In Wahrheit soll das Stereotyp der BH-verbrennenden Feministin mit den behaarten Beinen suggerieren, dass Feminismus, ja dass Politik eine Frau hässlich macht.“ Denn hässlich zu sein ist das Schlimmste, was einer Frau passieren kann.

Apropos Outfitwahl: Ich bin so müde, davon zu lesen, was Vergewaltigungsopfer trugen und ob das Outfit in irgend einer Weise „provozierend“ war. Was für eine unglaubliche Frechheit! Eine Vergewaltigung ist ein Missbrauch von sexueller Macht über den Körper des Opfers. Hier ist und bleibt der Täter selbst in der Täterrolle – und nicht die Kleidung des Opfers. Eine Frau wird nicht zu einem willenlosen Objekt, nur weil sie einen kurzen Rock trägt. Und „Nein“ heisst wirklich immer „Nein“.

„Du bist Feministin – siehst du dir keine Pornos an?“
Die kurze Antwort lautet: Doch, ich schaue mir ab und zu Pornos an. Die lange Antwort lautet: Ich freue mich jedes Mal, wenn mir jemand diese Frage stellt. Ich diskutiere nämlich sehr gerne über das Thema Porno. Aus zwei Gründen: Einerseits kann ich dann aufzeigen, welche Filme ich warum gerne mag und weshalb ich finde, dass viel, viel mehr Pornos so gedreht werden sollten. Zweitens, weil das Thema Mainstream-Porno – und davon reden die meisten, wenn sie von Pornos reden – ein Paradebeispiel dafür ist, was das Patriarchat mit der Gesellschaft so anstellen kann. Es ist verantwortlich für die gängige Rollenverteilung in den meisten Hetero-Pornos, die auf den bekannten entsprechenden Seiten zu finden sind: Sie ist immer willig und findet alles geil, was er macht, er will und kann immer und am wichtigsten ist, dass er kommt. Am besten in ihr Gesicht, auf ihre Brüste oder in ihren Mund. Dazu alle zwei Sekunden Zoom auf die Penetration und ihr verzerrtes Gesicht. Aber was eigentlich gezeigt werden sollte – Sex zwischen zwei oder mehr Menschen, die Spass daran haben, die natürlich sind – geht dabei leider völlig unter. Diese Filme finden nur in einer Nische der Pornowelt Platz. Eine total schizophrene Tatsache, wenn man bedenkt, dass sich im echten Leben die wenigsten Männer wirklich mit dieser Darstellung der männlichen Sexualität im Mainstream-Porno – grundlos gierig, roh und egoistisch – identifizieren können. Ein Konflikt, der zu sexueller Frustration und Selbsthass führen kann, der im schlimmsten Fall auf jemand anderen abgewälzt wird. Die Darstellung von Sex in Mainstream-Pornos hat etwas Brutales, Anrüchiges und wird so zum tabuisierten Stigma. Und sie führt dazu, dass erniedrigende Praktiken als normal angesehen und erwartet werden – für alle, nicht nur für Freunde des Sadomasochismus‘.

„Ich weiss nicht viel über die feministischen Bewegungen – darf ich mich trotzdem Feminist_in nennen?“
Feminismus ist kein Label und kein Lifestyleprodukt. Er ist eine Einstellung. Du willst, dass es irgendwann keine Rolle mehr spielt, was du zwischen den Beinen hast? Du willst, dass wir nicht mehr über Frauenquoten diskutieren müssen, weil sie niemand mehr nötig findet, dass jeder Tag Equal Pay Day ist? Dass es egal ist, mit wem du ins Bett steigst, dass es egal ist, ob Männer ins Militär gehen, weil sie sonst keine „ganzen Männer“ sind? Dir ist wichtig, dass alle Geschlechter gleichermassen akzeptiert und respektiert werden? Du bist es leid, dass deine schwulen, lesbischen und transsexuellen Freunde und Freundinnen sich in der Öffentlichkeit für ihre Sexualität rechtfertigen müssen, und sie immer noch als Randgruppen und Exoten angesehen werden? Dass ihr Privates noch immer Politik ist?

Dann sind wir im gleichen Team. Und es ist mir wirklich von Herzen egal, wie du dich dabei nennst. Kämpfen können wir trotzdem gemeinsam.



7 thoughts on “Was ich als Feministin so gefragt werde – und was ich dazu zu sagen habe”

  • Bisher fand ich die Feministinnen, welche ich persönlich kennengelernt habe, alle mindestens grenzwertig! Ich kenne dich zwar nicht persönlich, aber dieser Text finde ich sehr gelungen, gratuliere!

  • Dass das alles keine Selbstverstaendlichkeit ist..zeigt doch wie notwendig Feminismus ist….2016 und manchmal denke ich..finsterstes Mittelalter…wir haben Rechte erkaempft..und muessen sie staendig verteidigen…weiter so…

  • Habe Soziale Arbeit studiert und viel mit leicht psychotischen Opportunisten und Feminanzen/weiblichen Machos zu tun gehabt. Glaube inzwischen, dass eine gesunde, attraktive und selbstbewusste Frau weniger Gefahr läuft, sich in der Feminanzen-Ideologie zu verlieren und Feminismus sehr viel mit persönlichen Problemen zu tun hat. Dennoch würde ich Verschiedenes unterschreiben was du hier kundtust. Du scheinst aber nicht die reinrassige, ideologisch verblendete Opportunistin oder Feminanze zu sein. Moderate Frauenrechtlerinnen denen es „um die Sache“ und nicht um ihr „abgef***tes Ego“ geht sollen natürlich unterstütz werden. Alles Gute Miriam!

  • grossartiger text! den behalt ich mir auf wenn wieder mal einfältig diskutiert wird. kleine frage noch: ich bin beim thema porno etwas zwiespältig. seelenloser sex ist wie fast food, destruktiv. sex und erotik sollten meiner ansicht nach aufbauend sein. welche pornofilme magst du gerne und warum? wo findet mann und frau nicht-mainstream pornos?
    herzliche grüsse.

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