Warum ich glücklich verheiratet und trotzdem überzeugte Feministin sein kann

Warum ich glücklich verheiratet und trotzdem überzeugte Feministin sein kann

Ich wollte eigentlich nie heiraten, da ich die Ehe stets als Mittel männlicher Repression sah. Als ich mich dann in einen Peruaner verliebte, hatte ich plötzlich keine andere Wahl. Durch die Liebe zu ihm lernte ich, unsere Ehe als das Beste zu sehen, was mir je passiert ist.

Die Ehe erschien mir nie als das erstrebenswerteste Beziehungsmodell. Das geht einfach nicht, wenn alles, was du davon mitkriegst, Geschrei, Hass und Lügen sind. Meine Eltern haben sich, zur Erleichterung aller Beteiligten, nach achtzehn Jahren getrennt. Die kläglichen Überreste ihrer Ehe wurden dann in einem hässlichen und ziemlich traumatisierenden Rosenkrieg ausgeschlachtet. Sicher bin ich einer von unzähligen Fällen, in denen Eltern aus Pietätsgründen zusammenbleiben, ohne zu realisieren, dass sie sich damit selbst und besonders ihren Nachwuchs ins Unglück stürzen. Doch was dich nicht umbringt, macht dich bekanntlich stärker. Die Erfahrungen in meiner Kindheit haben mich nicht so verkorkst, wie sie es hätten tun können. Erstaunlich unbeschwert sprang ich in meinen Teenager-Jahren von einer Beziehung in die nächste, weil ich mich ständig Hals über Kopf verliebte.

Mit Zwanzig hatte ich dann meine erste richtige Beziehung. Sie hielt ganze sechs Jahre und durch sie hatte ich mich von einem naiven Mädchen zu einer Frau entwickelt. Natürlich wollte ich mit meinem damaligen Freund für immer zusammenbleiben. Doch Heiraten stand für uns beide immer ausser Frage, da unsere geteilten politischen und sozialen Ansichten uns für bürgerliche Doktrin unempfänglich machten.

Eine Feministin ist geboren

Während dieser Zeit eignete ich mir mein kämpferisches Bewusstsein als Frau an. Je mehr ich nachdachte, sah ich die tagtägliche Diskriminierung, die Frauen auf der ganzen Welt aufgrund ihres Geschlechts erleiden müssen. Wie Puzzleteile fügte sich mein Weltbild neu zusammen, als ich realisierte, wie das vorherrschende System des Patriarchats seit Anbeginn der Menschheit verantwortlich für Leid, Tod, und Ausbeutung ist. Die Ehe sah ich dabei als Machtinstrument der Männer, die Frau zuerst ihres Namens und schlussendlich ihrer Freiheit zu entledigen, in dem man sie in ihre vermeintliche natürliche Rolle presste, sie mit Kind und Haushalt moralisch an sich band und es ihr dann noch so verkaufte, als wäre es das Höchste, was sie je in ihrem Leben erreichen konnte. Das hört sich in einem zeitgenössischen, westlichen Kontext etwas dramatisch an. Faktisch erleiden aber Millionen von Frauen noch heute eben dieses Schicksal.

Im Sommer vor zwei Jahren passierte dann etwas, was niemand voraussehen konnte. Ohne es zu wollen, verliebte ich mich in einen anderen. Es war eigentlich eine unmögliche Liebe, denn er war ein Peruaner, der zu dieser Zeit in den USA lebte. Ich hatte ihn im Internet kennengelernt und was als unschuldiger Flirt begann, verursachte ziemlich schnell ein Heidenchaos in meiner Gefühlswelt. Obwohl ich ihn nie in Echt gesehen hatte und die Chancen für ein heimliches Treffen bei null lagen, war der emotionale Betrug real. Meine Beziehung zerbrach daran. Zu Recht und wahrscheinlich auch zur richtigen Zeit, denn dass ich mich in einen anderen verlieben konnte, war nur ein Symptom einer kränkelnden Verbindung, die beiden nicht mehr guttat.

New York, I Love You

Nach allem, was passiert war, wollte ich es natürlich nicht bei einer Internet-Bekanntschaft belassen. Ich setzte mich also in ein Flugzeug nach New York, wo wir zusammen ein paar Tage verbringen wollten. Diese fünf schwülen Sommertage jenseits des Atlantiks sollen mein ganzes Leben verändern. Vielleicht war es die Energie dieser aufregenden Stadt, vielleicht aber auch dieses Gefühl von Befreiung, all die Probleme in der Schweiz für eine Weile hinter mir zu lassen, was mich so empfänglich für ihn machte. Klar war, dass ich noch nie jemanden wie ihn kennengelernt hatte. Es war neu und aufregend, gleichzeitig spürten wir eine tiefe Verbundenheit, als wären wir schon seit Jahren zusammen. Am zweitletzten Tag loteten wir am Küchentisch unserer überteuerten AirBnB-Wohnung mögliche Zukunftsszenarien aus. Kurz vor meinem Abflug nach New York liess eine Freundin, welche beim Migrationsamt arbeitete, die Bombe platzen. Sie versicherte mir, dass ich um eine Heirat nicht herum käme, sollte alles glatt laufen und ich mit ihm zusammenleben wollen. «Klar, dann heiraten wir eben», sagte er schmunzelnd, als ich ihm das erzählte. Etwas nervös rutschte ich auf meinem Stuhl herum und wusste nicht, wie ich antworten sollte. Ich erklärte ihm, dass ich eigentlich nie vorhatte zu heiraten. Wir einigten uns schlussendlich darauf, es mit einer Fernbeziehung zu probieren. Dass mein Herz – und mein Portemonnaie – dies eigentlich nicht verkraften würden, schob ich mal beiseite. Zu kostbar waren die letzten gemeinsamen Stunden vor einer voraussichtlich sehr langen Trennung.

Der wahrgewordene Mädchentraum

Wieder zu Hause und mitten im Chaos meiner neu bezogenen Wohnung angekommen, teilte mir mein neuer Freund eines Abends per Skype mit, dass er wieder zurück in seine Heimatstadt Lima ziehen wollte. Heimweh quälte ihn und er konnte in den USA nicht wirklich Fuss fassen. Gleichzeitig schmiedeten wir den Plan, dass er mich im nächsten Jahr in der Schweiz besuchen würde.

Wir Schweizer*innen realisieren oft nicht, dass unser kleiner roter Pass das Ticket zur Welt ist. Das Privileg unserer uneingeschränkten Reisefreiheit beschämte mich, als wir uns durch das Dickicht der Antragsformulare für sein Touristenvisum kämpften. Von Amtswegen beglaubigt, ordentlich abgestempelt und mit einem Rückflugticket versehen, verbrachte er dann drei Monate bei mir in Zürich. Als wir eines Sonntags im Pyjama auf dem Sofa herumlümmelten, machte er mir spontan einen Heiratsantrag, den ich sofort erleichtert annahm. Ich hatte nämlich bereits die Nase gestrichen voll davon, immer sechs Monate warten zu müssen, bis ich ihn wieder sehen konnte.

Das Gefühl, verlobt zu sein, versetzte mich in eine unglaubliche Euphorie. Heute kann ich verstehen, warum manche Bräute jede freie Minute damit verbringen, Champagner nippend und glückselig in Hochzeitsmagazinen zu blättern. Dass ich zusätzlich von allen Seiten beglückwünscht wurde, katapultierte mich in andere Sphären. Ehrlicherweise muss ich aber hinzufügen, dass uns auch viel Gegenwind entgegen blies. Nicht alle Leute aus meinem Umfeld fielen in Begeisterungsstürme aus, weil ich einfach mal so spontan entschieden hatte, meine Internet-Liebe zu heiraten. Doch wir liessen uns nicht beirren; hatten wir doch beide nur noch rosa Herzchen in den Augen.

Meine angestammte Einstellung zur Ehe holte mich erst ein, als ich mich mit der Namensführung nach der Heirat beschäftigen musste. Für mich war eine Diskussion darüber obsolet, denn es stand für mich ausser Frage, dass ich meinen Namen behalten würde. Als mein Zukünftiger sich darüber enttäuscht zeigte, war ich kurz irritiert. Warum wollte er mir seinen Namen aufzwingen? «Ich bin doch nicht bescheuert!», dachte ich wütend. Meine Wut war Ausdruck einer tiefliegenden Angst, dass sich hinter seinem aufrichtigen Charakter ein kleiner Macho verbergen könnte. Diese Angst war auch durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass wir nie die Chance hatten, uns über längere Zeit ausgiebig kennenzulernen. Fast schon etwas zu forsch schlug ich ihm deshalb meine Argumente um die Ohren. Ich erklärte ihm, dass ich mich dabei fühlte, als würde ich zu seinem Besitz gemacht. Gleichzeitig bat ich ihn, sich zu überlegen, ob er nicht auch eine Art von Identitätsverlust spüren würde, wäre der Fall umgekehrt. Schlussendlich gab er nach. Er hatte sich darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht wie ich und empfand es einfach als schöne Tradition ohne irgendwelche patriarchalischen Hintergedanken.

Das war der Beginn eines Lernprozesses, der mir bis heute täglich vor Augen führt, dass eine binationale Beziehung einfach mehr Verständigung, Geduld und Kompromiss benötigte. Wenn ich wirklich mit diesem Mann zusammenleben wollte, dann musste ich mich dem mit Leib und Seele verschreiben. Halbe Sachen lagen einfach nicht drin. Zu gross war das Opfer, das er mit dem Verlassen seiner Heimat brachte und zu schwer war die Verantwortung, die ich dadurch trug.

Das Wir kommt vor dem Ich

Mein Mann wanderte aus, damit wir zusammen sein können. Man zwang uns, früh zu heiraten. Ich schmiss meine Pläne für ein Studium über Bord und bereitete mich gedanklich darauf vor, die nächsten paar Jahre weiterhin meinem Bürojob nachzugehen. All diese Erfahrungen schweissten uns ungemein zusammen. Für mich ist die Ehe kein Sakrament, sondern wie in unserem Falle eine Notwendigkeit. Doch ich habe gelernt, die schönen Seiten des Ehelebens zu sehen. Es war für mich nämlich die perfekte Ausrede, mich vom adoleszenten Lotterleben mit Besäufnissen und verschlafenen Samstagen zu verabschieden, für welches ich mich eh nie wirklich gemacht fühlte. Klar hatte ich früher auch Spass im Ausgang, aber ich geniesse meine produktiven Wochenenden ohne Kater tausend Mal mehr. Die Beziehung zu gewissen Freundinnen und Freunden hat sich sogar gefestigt, seit wir uns eher zu ruhigen Abendessen treffen.  

Was ich an diesem tiefen Commitment aber am meisten schätze ist, dass man mit einer einzigen Person eine sehr intime Bindung aufbauen kann. Man lernt lösungsorientierter zu streiten, kreativer zu lieben, mehr an sich zu arbeiten. In meinem kurzen Singleleben war ich ausserdem nie scharf auf One-Night-Stands. Ich war einfach nie der Typ dafür, denn ich fühlte mich danach oft schlecht. Wenn meine Freundinnen davon berichteten, dass sie nach einer erotischen Nacht mit einem Fremden am liebsten laut «ah zabenya» aus The Lion King singen würden, war mein Soundtrack für einmalige Sexualkontakte schon immer «Creep» von Radiohead. Dass ich meinen Körper nur ausgewählten Personen geben möchte, ist ausserdem Teil meines Verständnisses von Feminismus. Diese Freiheit, selber über meinen Körper zu bestimmen ist nämlich genau das, was alle Menschen verdienen. So wie eine andere Frau sich entscheidet, mit vielen verschiedenen Personen intim zu werden.

Wenn ich darüber nachdenke, scheint die Monogamie meinen natürlichen Bedürfnissen zu entsprechen. Daher hatte ich auch noch nie Angst, wenn eine Beziehung richtig ernst wurde. Als ultimatives Ziel einer Beziehung habe ich die Ehe aber nie gesehen und finde heute noch, dass es sie nicht braucht, um sich einer Person ganz hinzugeben. Vielleicht ist für manche die Ehe das traditionelle Mittel, völlige Hingabe zu beweisen. Schlussendlich ist man verheiratet auf dem Papier. Man ist nicht besser, treuer oder erwachsener durch sie. Genauso wie Gläubige nicht automatisch bessere Menschen sind. Die Ehe ist und bleibt für mich ein Mittel unserer Gesellschaft, vermeintliche Moral zu konstatieren und Liebe bürokratisch fassbar zu machen. Positive Werte der Ehe, wie Freundschaft und Respekt, halte ich jedoch in jeder Form von menschlicher Beziehung für essentiell und als überzeugte Feministin ist es mein oberstes Ziel, anderen Menschen mit eben diesen Werten zu begegnen. Ob meine Ehe hält, steht in den Sternen. Eine Garantie gibt’s für nichts und auch wenn es nicht hinhauen sollte, dann bleibt immer noch die Erinnerung, dass ich es aus vollem Herzen getan habe.



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