Einmal Sexismus querbeet

Einmal Sexismus querbeet

«Es hat ja keiner je zu mir gesagt, ich könne keine Mathe», argumentierte jüngst eine Freundin in einer Diskussion über Gender und Stereotype. Mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer seien halt einfach Jungsfächer. Punkt. Fakt. Eine andere Kollegin erzählt, dass sie im Spielzeugladen als erstes nach dem Geschlecht des zu beschenkenden Kindes gefragt wird. Weil das männliche Baby nicht dasselbe bekommt wie das weibliche Baby. Wie viele Genderklischees, wie viel Sexismus prasselt eigentlich täglich auf uns ein, hab ich mich gefragt.

Im Alltag übersieht man viel. Und man kann auch nicht alle fünf Minuten vor Wut und Ungläubigkeit ein Stück aus der Kaffeetasse beissen. Weil ohne Kaffee ist das Leben beschissen und Zahnärzte sind verdammt teuer. Also scrollt frau sich normalerweise stoisch durch. Ungefähr zwei Tage lang habe ich notiert, was vor allem in der digitalen Welt meinen Sexismus-Sensor getriggert hat.

  • Auf Facebook ein Post von der Seite Twitterperlen: «Heute war ein Mädchen mit einer blauen Jacke vorm Kindergarten. BLAU! Zwei Mütter haben schon in eine Tüte geatmet.» Der erste Kommentar darunter von einer Frau, die schreibt, wenn sie ihre Tochter mit einem Feuerwehrauto oder Laster auf dem Pulli in den Kindergarten schicke, werde sie von anderen Mädchen auf ihren «Jungspulli» angesprochen. Die Kiddies sind vier bis sechs Jahre alt. Nein, man kommt nicht zur Welt und ordnet schwere Fahrzeuge automatisch Männern zu. Zweiter Kommentar: «Dass es das 2017 noch gibt!»
  • Die Huffington Post schickt einen Artikel über ein 56-jähriges Model durch meinen Newsfeed. «Immer noch sexy und schön!» Hauptaufgabe von uns Frauen, wissen wir.
  • The Independent teilt aus: »Men don’t care much about a woman’s wit.» Zu deutsch: Männer interessieren sich nicht wirklich für den Verstand der Frau. Autsch, aus Sicht der Frauen, Autsch, aus Sicht der Männer, generelles homo-sapiensisches Autsch.
  • Einige meiner Facebook-Freunde mögen die Marke Dior, der Algorithmus will mir deshalb die Werbung nicht vorenthalten. «I am not a girl. I am poison», flüstert eine Dame, die das 18. Lebensjahr definitiv hinter sich hat. Was Dior damit sagen will: Frauen als Mädchen zu bezeichnen ist durchaus völlig okay. Und wenn sie Parfüm tragen, sind sie zusätzlich giftig. Aha.
  • Die Time bebildert ein Listicle mit vier. Businessleuten. Zwei Männer und zwei Frauen sitzen nebeneinander, die Köpfe hat der Fotograf abgeschnitten. Die Männer tragen Anzug, die Frauen Bluse, Jupe und Pumps. Die Röcke sind bei beiden so kurz, dass die Leser vor allem nackte Frauenbeine sehen. Übereinandergeschlagen, natürlich. Ein Mann sitzt breitbeinig, der andere hat sein rechtes Bein so über sein linkes gelegt, dass er die Hälfte der Sitzfläche der Nachbarin auch noch beansprucht.  
  • Abends auf Vox zieht Tim Mälzer über seinen Kochkonkurrenten her: «Den seh ich beim Golf, nicht beim Fussball. Nicht mal beim Frauenfussball.» Hahaha. Ha.
  • Werbung Nummer 1: Frau mit Blasenschwäche braucht Einlage. Aus verlässlicher Quelle (Internet) weiss ich, dass durchaus auch Männer unter Inkontinenz leiden, aber gab es schon jemals eine Werbung, in der ein Mann eine Einlage gebraucht hätte? Nä, Frauenproblem. Männer haben nur.. Rückenschmerzen. Männliche Schmerzen.
  • Werbung Nummer 2: Ein Mann versucht mit frisch gepresstem Orangensaft eine Toilette zu reinigen. Seine Frau kommt und weiss es besser.
  • Auf Facebook kommt ein Werbeclip von Lidl vorbei: Ein Mann versucht, einen Zopf zu backen. Eine Frau kommt und nimmt ihm Teig aus der Hand. Zopf ist im Ofen. Der Mann lässt den Zopf verbrennen. Die Frau hat das von Anfang an gewusst und deshalb einen Zopf bei Lidl gekauft. Männer können halt nicht backen. Genetisch unmöglich. Versucht’s gar nicht erst.
  • Ein Test will mit zehn Fragen mein Geschlecht erraten, im Auftrag der Wissenschaft fülle ich ihn aus. Darunter Fragen wie: «Löst du ein technisches Problem selbst oder fragst du jemand anderen?» oder «Wie lange brauchst du vor dem Date im Bad?» Weil ich bei den Schulfächern Physik statt Englisch ankreuze, kommt am Ende 73 Jahre alt und männlich raus.
  • Ein Video, in dem laut Überschrift eine Frau im Schlaf «abgrundtief böse» lacht. Erster Kommentar: «Vor allem ist sie abgrundtief hässlich.»
  • Am zweiten Abend zur Erholung Arte, Bildungsfernsehen! Es läuft Episode 19 von «Wildes Deutschland». Fischer kommen vor, eine Imkerin, verschiedene Naturschützer. Und gegen Ende taucht Forstwissenschaftlerin Ingrid Stützel auf, die beim Naturschutzbund Deutschland angestellt ist und sich um das Wollmatinger Ried kümmert. Aber Stützel ist eine junge Frau. Und die Offstimme nennt sie als einzige im ¾-Stunden langen Film beim Vornamen.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass diese Beispiele rein subjektiv sind. Und überhaupt, entscheidet ja jede und jeder selbst, welche Seiten er liken und welche Sendungen er schauen will. Stimmt. Das ist die rein subjektive Auswahl einer weissen, weiblich identifizierten 27-Jährigen. Zu sensibel? War ja nur witzig gemeint, nimms nicht so ernst? Doch. Auf den Subtext kommt es an. Wenn das in zwei Tagen an mir vorbeizieht, wie viel ist es in einer Woche, in einem Jahr, in 16 Jahren? Sich sämtlichen subtilen Botschaften zu entziehen: unmöglich. Das merke ich deutlich daran, dass ich allzu oft selbst in sexistische Denkmuster verfalle. Oder wie seht ihr das?

 



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