«Nimm den doch nicht so ernst!»

«Nimm den doch nicht so ernst!»

 2017 ist das Jahr, in dem Werner de Schepper in einem Tagi-Artikel von Michèle Binswanger und Mario Stäuble als «Tööpler» geoutet wird – die Geschichte ist einen kleinen Anriss auf der Front der entsprechenden Ausgabe wert und kratzt vor allem an der Oberfläche des strukturellen Problems. Dennoch: Wäre de Schepper nicht jahrelang Blick-Chef gewesen, stünde der Name des «Tööplers» seit Tagen mit «Sexgrüsel»-Ergänzungen auf der Blick-Front. Stattdessen lässt der Blick im «grossen Endjahresgespräch» Adolf Muschg, einen der «wichtigsten Schweizer Intellektuellen» zu Wort kommen. Muschg findet zum Beispiel, dass die #metoo-Debatte und «die Selbst-Auszeichnung als Opfer» billig sei. Es sei eine «Alibi-Debatte».

2017 ist das Jahr, in dem Frauen auch in der Schweiz über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz anfangen zu sprechen. Aber keine will mit dem Namen hinstehen. Auch ich nicht. Es gibt in der Schweiz nicht viele Frauen, die sich zur aktuellen Debatte äussern. Dafür gibts gute Gründe: Weil wir Angst haben, unseren Job zu verlieren. Weil wir Angst haben, dass uns nicht geglaubt wird. Weil wir merken, dass uns nicht geglaubt wird.

Denn es ist einfach für einen Mann wie Muschg, der jahrzehntelang die Selbstgerechtigkeit genossen hat, gesellschaftliche Veränderungen aus seiner Perspektive erklären zu dürfen, solche Dinge zu sagen. Es ist einfach für Peter Rothenbühler, in einem Tagi-Leserbrief und einem Beitrag auf der Branchenplattform persoenlich.com die Causa de Schepper zur Causa Binswanger zu machen. Rothenbühler beschreibt, wie er jahrelang de Scheppers Chef war und er von Übergriffen, «die eine Beschwerde wert gewesen wären», bestimmt erfahren hätte. «Jede Klage wäre ernstgenommen worden. Und niemand, ausser dem angeblichen Belästiger, hätte mit beruflichen Nachteilen rechnen müssen».

In die gleiche Kerbe haut, wenn auch etwas differenzierter, Peer Teuwsen. Der fragt sich in der aktuellen NZZaS, ob die Anschuldigungen gegen de Schepper denn ausreichen, um ihn an den Pranger zu stellen. Der Artikel belege «mit keiner Zeile ein strafrechtlich relevantes Verhalten».

Es ist wirklich einfach, als Unbeteiligte zu sagen, «ihr hättet doch nur etwas sagen müssen». Liebe Herren Muschg, Rothenbühler, Teuwsen und alle, die genau wissen, dass es sie betrifft: Ihr steckt nicht in unseren Schuhen. Die Belästigungen am Arbeitsplatz, die ich mitbekomme, sind oft subtil. Es sind «dumme Sprüche» zu später Stunde beim Weihnachtsessen, die man tags darauf bequem mit dem Besoffen-Argument erklären kann (btw: niemand wird zum sexistischen Arschloch, nur weil man getrunken hat. Das ist man schon vorher). Es sind seltsame Blicke und Bemerkungen an Sitzungen. Und sie reichen hin bis zu tätlichen Übergriffen. Systematische Überschreitungen also, wie sie auch Michèle Binswanger und Mario Stäuble in ihrem Artikel beschreiben.

Und oft ist schon die Hürde, damit zum HR zu gehen, zu gross – weil man sich schämt. Geschweige denn der Schritt, strafrechtliches Verhalten geltend zu machen. Weil man oft genug hört «ist doch nicht so schlimm», «nimm den doch nicht so ernst» –übrigens auch von Frauen. Nun, das ist mit der Grund, warum solche Typen in Chefsesseln sitzen und dort bleiben. Und Kommentare wie die oben erwähnten sind Wasser auf diese Mühlen.

2017 ist das Jahr, in dem mir ein Hater Sprachnachrichten schickt, in denen er mir erklärt, dass Feminismus eine Erfindung der Elite ist, dass ich Harvey Weinstein persönlich kennen müsste, um darüber zu schreiben, und dass «alli die Fütz», die sich jetzt dazu äussern, das ja alles gewollt hätten.

2018 wird das Jahr des Augenrollens, der Durchatmens und des Trotzdem-Weitermachens.



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