#menaretrash: Ausreden lassen!

#menaretrash: Ausreden lassen!

Ich war klein. Ich weiss nicht mehr wann er gestorben ist, mein Grossvater. Ein Politiker in der Westschweiz. Er setzte sich für Randständige, Arme und – für «le droit de la femme» ein. Das Recht der Frau. Das klang so merkwürdig. Wieso haben die anderes Recht? Im Gegensatz zu allen anderen Themen wollte er mir das mit den Frauenrechten nicht erklären. «Du wirst später über uns lachen. Dieses Problem wirst du nicht mehr haben.» Es ist vermutlich 33, 34 oder sogar 36 Jahre her.

 

Wie schön wäre es, hätte der alte Mann Recht gehabt. Heute diskutieren wir über «Gleichstellung» und nicht mehr über «Frauenrechte». Wir reden also über Gleichstellung, bevor die Frauenrechte überhaupt umgesetzt wurden? Lohngleichheit steht seit 37 Jahren in der Bundesverfassung. Ich werde jetzt nicht in Frage stellen, ob es Lohnungleichheit gibt, ob sie gerechtfertigt ist und ich werde auch nicht auf andere Ausreden eingehen. Wie auch nicht auf alle anderen Ausreden der Männer, die lediglich die bestehenden patriarchalen Strukturen erhalten.

 

Männer sind kreative Wesen. Sie lassen sich so oft Ausreden einfallen, um solche Missstände zu entschuldigen und zu erklären. Achtung! Aber nie die Schuld bei sich selbst suchen! Das ist das oberste Gebot.

 

In privaten und öffentlichen Diskussionen, aber vor allem in sozialen Netzwerken wird das sehr schnell sichtbar. Ein paar Frauen schimpfen über Sexismus. Da mischt sich ein Mann ein und sagt, wie sehr er Sexismus verabscheue. In seinen Beispielen, Fragen und Argumenten kratzt er aber nur an der Oberfläche. Die Frauen machen ihn dann auf die Oberflächlichkeit aufmerksam. Er beginnt sich zu verteidigen und entlarvt sich selbst als Sexist. Er wird angegriffen, verteidigt sich unreflektiert und reitet sich immer tiefer in seine eigene Scheisse. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sagt er, was den Frauen fehle, dass sie sich besser durchsetzen, verteidigen müssten, weist auf Mängel in der Erziehung hin – kurz: Wo die Frauen noch an sich arbeiten müssten. Am Ende fühlt er sich nicht verstanden, schlägt wild um sich, wird persönlich, beleidigend und radikalisiert vor sich hin.

 

Und ich? Immer wieder denke ich, ich sei jetzt fertig radikalisiert. Ich radikalisiere mich aber immer mehr. Denn: Wenn ich «Rassist!», «Sexist!» oder Ähnliches schreie, will niemand einer sein. Alle haben gute Gründe, warum die Situation so ist, wie sie ist. Aber keiner trägt selbst Schuld daran. Es bleiben nur vereinzelt Dumpfbacken übrig, die stolz auf ihre sexistische Haltung sind. Diese werden dann von der Gemeinschaft verurteilt, beschimpft und mit Verachtung bestraft. Das ist aber auch sehr einfach – mit dem Finger auf andere zu zeigen. Es ist bequem. Und so müssen sich die Männer nicht reflektieren.

 

Männer müssen sich nicht reflektieren, solange sie den Finger auf andere richten können. Und solange sich nichts ändert, behalten sie die Macht und zeigen weiter mit dem Finger. Die Rechtfertigung für ihr Verhalten und ihrer verdammten Bequemlichkeit bekommen sie auch von den Medien und der Wissenschaft geliefert: «Der arme Mann von heute muss sich zuerst finden. Er wird so gefordert. Er wird in verschiedene Rollen gesteckt – der Arme ist total verunsichert. Lasst ihm noch etwas Zeit». Solche Berichte gibt es tatsächlich. Auch von Frauen verfasst. Auch in Frauenzeitschriften. Das ist nicht zielführend. Wie lange sollen meine Töchter noch warten, bis der arme Mann seine Rolle gefunden hat? Er hat sie doch schon gefunden.

 

Der männlichen Leserschaft sage ich folgendes: Wollt ihr etwas ändern? Dann unternehmt etwas. Aber hört auf, euch in Selbstmitleid und Entschuldigungen zu wälzen. Das Problem ist von Männern geschaffen worden. Es ist an den Männern, diese Fehlleistung zu korrigieren. Denn solange Sexismus eine Frauensache ist, werden die Frauen – wie schon seit Jahrhunderten – mit den immergleichen Werkzeugen des Patriarchats verunglimpft.

 

Wenn sich Männer ernsthaft, mehrheitlich und öffentlich gegen Sexismus, der sich gegen Frauen richtet, stellen würden, würden sie radikale Haltungen wie meine und provokative Hashtags in die Marginalität verbannen. Dass sie es können, beweisen sie immer wieder: Dann nämlich, wenn Männer den Frauen Sexismus unterstellen. Da sind die Herren laut, deutlich, verletzend, radikal und finden tausend Argumente.

 

RaucherInnen wissen, dass sie sich mit dem Rauchen Schaden zufügen. Dennoch rauchen sie. Eine Sucht kann man nicht einfach so abschütteln. Und der Wille muss da sein. Ohne Wille klappt das Aufhören nicht. Wir wissen, dass gewisse Aktivitäten riskant sind. Dennoch stürzen sich einige mit komischen Anzügen einen Berg hinunter. Die Emotionen, das Adrenalin, das Gefühl der Freiheit: Das zieht sie magisch an und auch das aktiviert gewisse Hirnregionen, die uns vieles ausblenden lassen. Wir wissen, dass wir unseren Planeten zerstören. Hoffen aber bequem in letzter Sekunde noch etwas ändern zu können – den Planeten zu retten. Was ist unser Treiber, Sexist zu sein? Sucht? Emotionen, das Adrenalin, das Gefühl der Freiheit? Hoffnung, in letzter Sekunde noch etwas ändern zu können? Das passt irgendwie nicht zusammen. Der Treiber heisst Angst. Angst Macht teilen zu müssen. Angst die eigene Bequemlichkeit nicht mehr so ausgeprägt ausleben zu können. Angst, sich zu blamieren. Angst, nicht als Mann zu gelten. Dabei, und ich weiss es aus eigener Erfahrung, findet man fast immer Support, wenn man sich gegen Sexismus stellt. Auch gegen den latenten Alltagssexismus. Den nicht so offensichtlichen Sexismus. Manchmal muss man auch seinen männlichen Kollegen einen Denkanstoss geben. Und wenn einer schon den Sitzpinkler spielt, fällt es den anderen einfacher auf den Zug aufzuspringen. Wenn sie es geschnallt haben, werden euch einige unterstützen. Fast immer. Und wenn nicht: Dann seid ihr starke Krieger, Revolutionäre, Frauenhelden oder einfach Schwuchteln.

 

Es gibt SexistInnen, die sich keinesfalls so bezeichnen würden. Gerade Männer tendieren zu argumentieren, sie liebten und respektierten die Frauen. Aber sie hören nicht zu, sehen nicht hin und können sich nicht in die Frauen hineinversetzen. Darum zeigen sie nicht auf die Probleme. Sie sehen sie nämlich nicht. Aber sie gehen bei #metoo voll ab. Das, meine Herren, das ist der plumpe Sexismus. Leicht erkennbar. Leicht zu bekämpfen. Liebe Geschlechtsgenossen: Geht raus und hört den Frauen zu. Fragt, aber hört ihnen zu. Keine Lösungsansätze von sich geben. Nicht bevor ihr genügend gehört habt. Nehmt die Frauen ernst. Hört auf die Zwischentöne – nochmals: die Zwischentöne! Und wenn eine Frau über die Männer herzieht: Verteidigt euch erst mal nicht. Hört einfach zu und stellt Fragen. Und einfach noch so eine kleine Randbemerkung: Frauen, die über Männer schimpfen, sind keine hysterischen Femofotzen. Sie werden laut, weil man sie leise nicht versteht (oder: Sie sind es bloss leid, immer wieder dasselbe sagen zu müssen und immer wieder dasselbe hören zu müssen). Das mit den Frauen und ihrer Periode: Es ist ein Gerücht. Entstanden um harsche Kommentare von Frauen abzuwehren und deren Botschaft in die Belanglosikeit zu befördern. So steht der kritisierte Mann weniger blöd da. Und das mit dem schlecht gefickt: Das ist auch so ein bisschen falsch und pubertär.

 

Aber vor allem: Fühlt euch nicht auf den Schwanz getrampt und verteidigt euch nicht aus dieser Position.

 

Und für die, die, wie ich, einfach gerne Sexisten sind: Bleibt Sexist. Wechselt einfach die Seite. Denn eure Herrschaft ist schon genügend privilegiert. Und sich für eine Minderheit (49.6 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen) einsetzen, damit könnt ihr auch noch euer Gewissen streicheln.

 



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