«Masters of Sex» – Serienempfehlung!

«Masters of Sex» – Serienempfehlung!

Die vierte und damit auch letzte Staffel der Serie wurde bereits im vergangenen Sommer ausgestrahlt, das Finale wurde viel diskutiert und analysiert und ich frage mich, warum die Serie so vielen Menschen in meinem Umfeld immer noch nichts sagt. Deshalb hier ein klares Plädoyer für diese fantastische Serie und ihre feministischen Botschaften!

masters of sex review

[Weil ich nicht spoilern möchte, gehe ich hier lediglich auf die erste Staffel ein.]

Im Namen der Wissenschaft

Die auf wahren Begebenheiten basierende Handlung dreht sich – wie schon am Titel zu erkennen ist – vor allem um Sex und orientiert sich an der von Thomas Maier verfassten Biographie, die das Leben von William Masters und Virginia Johnson nachzeichnet. Die Serie bringt uns zurück in die 50er Jahre und begleitet den erfolgreichen Gynäkologen Bill Masters (Michael Sheen) und seine Assistentin Virginia Johnson (Lizzy Caplan) auf ihrem Weg, die menschliche Sexualität zu erforschen und ihre revolutionären Erkenntnisse in die Gesellschaft zu bringen. Das erweist sich jedoch als schwieriges Unterfangen, da die Welt noch nicht bereit zu sein scheint für dieses Wissen.

Über Intimitäten wird nicht laut und offen gesprochen, in Sachen Sex macht eine Menge Halbwissen die Runde und vor allem eines scheint ein absolutes Mysterium zu sein: die Sexualität der Frau. Masters, der seine Forschungen zunächst aus privater Tasche bezahlt und bei der Prostituierten Betty (Annaleigh Ashford) manchmal als unerkannter Beobachter durchs Schlüsselloch zugucken darf, muss seine eigenen wissenschaftlichen Annahmen ebenfalls einer gründlichen Revision unterziehen, als er auf seine zukünftige Assistentin Virginia Johnson trifft. Mit ihr findet er eine selbstbewusste Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Auch und vor allem dann nicht, wenn es um Sex geht. So räumt sie mit allerlei Stereotypen zur weiblichen Sexualität gründlich auf:

 

Den beiden Hauptcharakteren wird aber nicht nur durch die Klinikleitung und das gesellschaftliche Unverständnis bezüglich ihrer Forschungen die Arbeit erschwert; besonders ihre persönliche Beziehung gerät immer wieder in den Fokus der Erzählung.

Die Studie zur menschlichen Sexualität beginnt mit Beobachtungen und Datenauswertung von Personen, die für die Studie freiwillig und im Namen der Wissenschaft masturbieren und entwickelt sich weiter zu einer Paarstudie, im Rahmen derer hauptsächlich heterosexuelle Geschlechtsakte wissenschaftlich dokumentiert und ausgewertet werden. Masters Frau Libby (Caitlin Fitzgerald) weiss von den genauen Forschungsmethoden ihres Mannes nichts und ahnt nicht, welche Rolle Virginia und er selbst in den Studien einnehmen. Sie steckt ihre Anstrengungen in das Vorhaben, schwanger zu werden. Dies erweist sich als schwierig und belastend, denn was fast niemand weiss:[ACHTUNG, SPOILER]Der gefeierte und beliebte Gynäkologe Masters schiesst selbst mit „Platzpatronen“, gesteht dies jedoch nicht ein; stattdessen droht Libby in Selbsthass und Vorwürfen zu ertrinken als sie eine Fehlgeburt erlebt.

Mit Lilian de Paul (Julianne Nicholson) kommt nach einigen Folgen ein wichtiger weiblicher Charakter hinzu, der die Dynamik und Vielschichtigkeit der Serie nur einmal mehr unter Beweis stellt. Engagiert und fleissig aber weniger kokett und charmant als Virginia zeigt die Rolle sehr deutlich, wie die sexistischen Strukturen der Klinik (und der Gesellschaft) funktionieren. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen ihr und Virginia erweist sich als sehr spannend und schwankt immer wieder zwischen Konkurrenzkampf und Komplizinnenschaft. Ein Powerteam entwickelt sich auch aus Virginia und Sekretärin Jane Martin (Helene Yorke). Letztere ist stolz, selbst an der Studie mitwirken zu können und entpuppt sich als sehr emanzipiert. Zu nennen ist ausserdem noch der Nachwuchsarzt Ethan Haas (Nicholas D’Agosto); durch seine Faszination von Virginia, seine Konkurrenz gegenüber dem grossen Gynäkologen Masters und seiner Funktion als Libby während ihrer Schwangerschaft begleitender Arzt tritt er in ein Spannungsfeld und verknüpft mehrere Handlungsebenen.

Doch was genau ist so empowernd an dieser Serie, in der es viel, sehr viel um Sex geht? Warum berührt sie mich so und warum ist sie feministisch?

Starke Charaktere    

In Masters of Sex haben wir es mit starken und überzeugenden Charakteren zu tun. Allen voran ist natürlich Virginia Johnson zu nennen, die als selbstbewusste, einfühlsame und intelligente Frau gezeichnet ist, die ihre Sexualität offen auslebt und eine unfassbare Präsenz ausstrahlt. Sie dient als Projektionsfläche für weibliche Karrierebestreben und die Probleme einer alleinerziehenden Mutter, die Haushalt und Beruf unter einen Hut bringen muss. Anhand ihr wird der vollkommen alltägliche Sexismus abgearbeitet; selbstverständlich stösst auch sie häufig an ihre Grenzen (ansonsten wäre die Serie auch unrealistisch), weiss sich aber gekonnt zur Wehr zu setzen und sagt stets klipp und klar, was sie denkt. Sie ist in diesem Rahmen als emanzipierte Powerfrau gezeichnet.

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Libby macht während der gesamten Serie eine starke Entwicklung durch, bereits zum Ende der ersten Staffel wird jedoch klar, dass sie die gesellschaftliche Rolle einer pflichtbewussten, ihr eigenes Glück vom Glück des Mannes abhängig machenden Ehefrau abzulegen beginnt.

Auch wenn es für die Zuschauenden am Anfang ungleich schwieriger ist, sich in die Situation von Bill Masters hineinzuversetzen, gibt es auch bei ihm Momente, in denen ein Mitfühlen und Mitleiden unumgänglich ist. Er stellt eine äusserst komplexe und vielschichtige, oft undurchschaubare Person dar.

Charaktere wie die Prostituierte Betty oder der schwule Vorgesetzte Masters‘, den seine eigene sexuelle Orientierung innerhalb der homofeindlichen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre in eine tiefe Depression wirft (und seine Frau gleich mit)[SPOILER], rühren . Immer wieder. Sie alle haben irgendwie ihr Päckchen zu tragen und die Darstellenden vermögen es sehr gut, diese (oft sehr bedrückenden) Emotionen überzeugend rüberzubringen.

Klassische feministische Themen

Die Serie steckt voller Themen, die wegweisend für feministische Diskurse waren und immer noch sind. Es geht um Sexismus am Arbeitsplatz, die Frau als „Mutter oder Hure“, den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität und Sexualität allgemein (ja, es wird viel Sex gezeigt). Unter die Lupe genommen werden Normen, die Sexualität limitieren und regeln: Wer darf mit wem, geht Sex auch ohne Liebe (und umgekehrt?), was haben geschlechtliche Identitäten mit Aktivität und Passivität zu tun, was bedeutet die Entdeckung des klitoralen Orgasmus für Menschen, die sexuell aktiv sind? Anhand der Sexarbeit wird sehr genau aufgeschlüsselt, welche auf Sexualität bezogene Doppelmoral vorherrschend ist; es ist aus heutiger Perspektive erschreckend, besonders in der Einstellung zu Sexarbeit häufig ähnliche Tendenzen zu vernehmen. Aufgegriffen werden passenderweise auch wissenschaftlich-philosophische Diskurse wie etwa das Erscheinen des revolutionären „le deuxième sexe“ von Simone de Beauvoir.

Weibliche Orgasmen

Es geht nicht einfach um Sex. Es geht vor allem auch immer wieder um die weibliche Sexualität und damit um die Dekonstruktion traditioneller Rollenverteilungen und Vorstellungen von weiblicher Passivität und männlicher Aktivität. Immer wieder wird sich mit der Frage auseinandergesetzt, was es überhaupt für die Beziehung zwischen Männern und Frauen bedeutet, dass letztere überhaupt nicht auf einen Mann angewiesen sind, um höchste sexuelle Befriedigung zu erleben. Beim Bereich der Sexualität beginnend klingt die ganze Zeit eine Herrschaftskritik an patriarchalen Verhältnissen mit.

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Nichtsdestotrotz…

Auch wenn ich die Serie sehr bestärkend und wichtig finde – einige Aspekte sind durchaus kritisch zu betrachten:

  • Die Serie ist ziemlich weiss und konzentriert sich sehr auf Körperlichkeiten innerhalb gängiger Schönheitsvorstellungen sowie auf cis Geschlechtlichkeit.
  • Die anfängliche Euphorie bei Staffel 1 verflüchtigt sich bei den weiteren Staffeln ein bisschen, was sich auch anhand schlechter ausfallender Kritiken und Zuschauer*innenzahlen (und nicht zuletzt auch am verfrühten Absetzen der Serie nach der 4. Staffel) abzeichnet. Aber auch, wenn das erfrischend kritische und provokante Potenzial etwas abklingt und spezielle Familien- und Beziehungsnormen teilweise reproduziert werden, ist die Message grundsätzlich eine gute!
  • Bei dem vielen Sprechen und Verhandeln von Sex sollte immer auch das Bewusstsein mitschwingen, dass Sexualität hier als etwas Natürliches und jedem Menschen Inhärentes verstanden wird. Einerseits ist es positiv zu bewerten, dass besonders die weibliche Sexualität eine Entmystifizierung erfährt – andererseits wird hier die Annahme gefestigt, dass jede*r sexuell ist und sich (auch) über sein*ihr Begehren definiert. Asexualitäten werden bewusst ausgeblendet, was m.E. zumindest problematisch ist.

Es ist mir wichtig, diese Kritikpunkte zu nennen, denn Medien machen auch immer etwas mit unseren eigenen Denk- und Wahrnehmungsmustern und greifen in unser Bild der Wirklichkeit ein. Trotzdem kann ich die Serie (besonders Staffel 1) gerade aus feministischer Perspektive weiterempfehlen! Wenn sie also an euch vorbeigegangen ist; nichts wie ran da!  



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