Graphic Novel «Hinter Türen»: Interview mit Stefan Dinter und Isabel Kreitz

Graphic Novel «Hinter Türen»: Interview mit Stefan Dinter und Isabel Kreitz
Ich bin ja ein Fan von Graphic Novels. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich Ende Oktober über die Arbeit «Hinter Türen» gestolpert bin. Darin lenken die mehrfach preisgekrönte Comiczeichnerin Isabel Kreitz und der Illustrator Stefan Dinter aus Deutschland den Blick auf eine unbequeme Wahrheit: Gewalt gegen Frauen findet mitten in der Gesellschaft statt, aber viel zu oft wird geschwiegen und weggesehen.
 
Die Graphic Novel wurde in Zusammenarbeit mit dem Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen» entwickelt, das beim deutschen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben angesiedelt ist. 
 
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Die Köpfer hinter den Türen: Stefan Dinter und Isabel Kreitz
 
In der Graphic Novel «Hinter Türen» erzählen Isabel Kreitz und Stefan Dinter die Geschichte zweier unterschiedlicher Frauen: Die hochmotivierte Volontärin einer Lokalzeitung, Anna Wegener, entdeckt während der Arbeit einen Brief, in dem die 64-jährige Inge Berger von Gewalterfahrungen in ihrer Ehe berichtet. Anna Wegener will der Sache nachgehen, doch Inge Berger ist zwischenzeitlich verstorben – unter ungeklärten Umständen. Ungeachtet der Anzüglichkeiten ihres Chefs und der Widerstände aus der Redaktion stellt die Journalistin Nachforschungen an, um mehr über den Tod der Frau herauszufinden. Dabei stößt sie auf eine Mauer des Schweigens und des Nicht-sehen-Wollens.
 
«Hinter Türen» erscheint kapitelweise online und macht darauf aufmerksam, dem Thema Gewalt gegen Frauen sensibler zu begegnen. Und behandelt gleichzeitig ein anderes Themenfeld: Den Umgang mit jungen Frauen, die sich unangenehmen Geschichten annehmen wollen. Da ich selber im Journalismus arbeite und immer wieder Geschichten von Kolleginnen höre, die genau aus diesem Grund mit unterschwelligem Sexismus bei der Arbeit zu tun haben, wollte ich euch die Graphic Novel gerne vorstellen und habe den beiden Köpfen dahinter ein paar Fragen gestellt.
 
Woher kam die Idee zur Geschichte von «Hinter Türen»?
Isabel Kreitz: Ein Freund hat mir von seinen Erlebnissen als Volontär bei einer Lokalzeitung erzählt. Als Assistent des Horoskope-Schreibers bekam er dort einen Brief von einer älteren Dame, die von häuslicher Gewalt durch ihren Mann berichtete. Sie führte dies auf die Sternenkonstellation zurück und suchte deshalb Rat bei einem Astrologen. Die Geschichte hat mich sehr berührt. Daraus entstand später die Idee für «Hinter Türen». Dem Hilfetelefon hat der erste Entwurf gut gefallen und wir waren uns sehr schnell einig, was in der Geschichte passieren darf und was nicht. Mit Stefan Dinter habe ich dann die Geschichte weiter ausgearbeitet, er hat unter anderem die Figur der Volontärin hinzugefügt.

Stefan Dinter: Isabel hat mir die Grundkonstellation in unserem ersten Telefongespräch, das wir wegen des Projekts geführt haben, vorgestellt. Ich fand das eine sehr gute Ausgangssituation, und es passte zu der Bitte des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen, auf explizite Gewaltdarstellungen zu verzichten. Wir haben uns dann zwei Tage in Isabels Studio zusammengesetzt und die Geschichte weiterentwickelt.

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Für wen ist die Graphic Novel gedacht?
Isabel Kreitz: Für Frauen, die eine Gewaltsituation erlebt haben, sowie deren Freunde, Arbeitskollegen und Verwandte. Sie alle sollen ermutigt werden, um Hilfe zu bitten oder andere zu ermutigen, das zu tun.

Stefan Dinter: Abgesehen von den direkt Betroffenen auch einfach Menschen, die noch gar nichts mit der Situation zu tun hatten, um vielleicht für die Zukunft den Blick zu schärfen, wenn es um solche Situationen geht.

Inwiefern hat die Geschichte mit Ihren persönlichen Erfahrungen zu tun?
Isabel Kreitz: Ich persönlich habe keine Erfahrung mit Gewaltsituationen. Darum haben wir mit Anna Wegener zunächst die Perspektive einer Zuschauerin eingenommen, die durch ihre Recherche für das Thema Gewalt gegen Frauen sensibilisiert wird und die Initiative ergreift, sich gegen eine subtilere Form von Gewalt  zu wehren.
 
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Stefan Dinter: Eher wenig. Meine Frau und ich haben eine Pflegetochter, und haben im Zusammenhang mit der Pflegschaft auch Kurse besucht, in denen es unter anderem um häusliche Gewalt ging. Insofern hatte sich in den letzten Jahren der Blick schon etwas geschärft, was diese Situationen angeht. Für die Graphic Novel speziell haben wir aber gezielt recherchiert, und auch vom Hilfetelefon direkt Material bekommen.

Warum haben Sie eine Redaktion als Schauplatz für die Geschichte gewählt?
 Isabel Kreitz: Das ergab sich aus der Grundidee meines Freundes, an das Thema über die Leserpost einer Lokalzeitung heranzugehen.
 
Stefan Dinter: Ich fand das, ausgehend von Isabels Grundidee, sehr passend. Eine Redaktion bildet ja auch so einen Mikrokosmos, dadurch konnte man da Anna Wegeners Situation von mehreren Seiten beleuchten. Ausserdem kam das detektivische Element des Reporters dazu, überhaupt die Anbindung einer Zeitung nach aussen. Man muss ja doch einiges in der Erzählung stark verdichten, um sie auf 46 Seiten erzählen zu können. Eine Zeitungsredaktion bietet da auch eine Menge Typen und Möglichkeiten.

Was wollen Sie mit der Geschichte bezwecken?
Isabel Kreitz: Die Geschichte soll sensibilisieren und die Leserinnen und Leser dazu bringen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Sie sollen merken, wie vielfältig Gewalt gegen Frauen sein kann. 

Stefan Dinter: Gewalt ist ja ein Problem, dem sich die Gesellschaft immer wieder stellen muss, egal, gegen wen sie sich richtet. Es wäre schön, wenn wir mit der Graphic Novel dazu beitragen könnten, dass Menschen in ihrem Umfeld genauer hinschauen und schneller hilfsbereit sind. Statistisch gesehen sind Frauen was häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen, angeht, in überwiegendem Maße die Opfer. Die GN soll, wenn irgend möglich, dazu beitragen, dass sich betroffene Frauen schneller Hilfe holen.

Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten? 
Isabel Kreitz: Einige Leser haben uns geschrieben, dass ihnen die Geschichte gefallen hat und ihnen das Thema wichtig ist. Das ist für uns Comiczeichner ein wunderschönes Kompliment, denn im Allgemeinen sind Leserbriefe eher kritisch. Die Anzahl der Zugriffe auf die Webseite scheint sehr zufriedenstellend zu sein, auch das werte ich als positive Rückmeldung.
 
Stefan Dinter: Ja, es gab tatsächlich Fanmail. Das ist mal was neues für mich, und auch sehr toll. Wir haben auch sehr positive Rückmeldungen vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen betreibt und unser direkter Auftraggeber war, bekommen. Und auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war sehr angetan von dem Comic. Ich persönlich habe über meine Accounts bei Twitter, Instagram und Facebook einiges an Feedback bekommen, bis jetzt alles davon positiv. Also insofern bin ich da sehr glücklich. 


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