Die Sache mit der Body Positivity

Die Sache mit der Body Positivity

Ich gehöre eigentlich nicht zu den Leuten, die sich Vorsätze fürs neue Jahr fassen. Aber dieses Jahr habe ich irgendwie das Bedürfnis danach. Vielleicht, weil 2016 ein besonders schlimmer Fucker war und ich denke, dass sich 2017 super als kleiner Neuanfang eignet.

Einer meiner Vorsätze ist mehr Sport. Einerseits, weil ich gegen Ende 2016 schlimme Rückenschmerzen hatte und sonst nie damit zu kämpfen habe. Ich habe seit Geburt eine leicht verschobene Wirbelsäule und einen Job, in dem ich mehr oder weniger den ganzen Tag sitze. Bis auf ein paar Stunden Physiotherapie, ein bisschen Joggen und ein halbherziges Jahr im Fitnessstudio habe ich mich in meinem Leben bisher nie sportlich betätigt. Ich denke, das rächt sich nun. Und ich möchte das gerne ändern.

Neben den Rückenschmerzen macht sich aber noch ein anderer Nebeneffekt bemerkbar: Ich habe zugenommen. Langsam und über mehrere Jahre habe ich heute ein Gewicht erreicht, mit dem ich mich nicht mehr wohlfühle. Wobei das auch falsch ausgedrückt ist: Ich besitze keine Waage und kann nur grob schätzen, wie schwer ich bin. Aber man merkt ja auch an der Kleidung, die nicht mehr so sitzt, wie sie soll, dass ein paar Kilo mehr auf die Hüfte gewandert sind.

Und mich stört das. Aber noch mehr stört mich, dass es mich stört. Ich setze mich für die Akzeptanz von mehr Körpervielfalt in der Gesellschaft ein und schwenke metaphorische Fahnen mit «My Body, my Choice»-Statements vor mir herum. Als Feministin fühlt es sich irgendwie falsch an, wegen den paar Extrakilos genervt zu sein.

Dazu kommt, dass ich das Gefühl habe, die Kleidergrössen haben sich in den letzten Jahren verändert. Ja, ich habe zugenommen, aber nicht so viel, dass ich nicht mehr in die gleiche Jeansgrösse wie vor einem Jahr passe. Und sicherlich auch nicht so viel, dass ich nicht mehr in eine Grösse passe, die im normalen Handel erhältlich ist.

Vor ein paar Wochen habe ich in einem Kleidergeschäft, in dem ich sonst keine Probleme habe, Hosen zu kaufen, frustriert aufgegeben: Die grösste Grösse der Jeans, die ich gerade am Leib trug und eigentlich ersetzen wollte, hat mir nicht mehr gepasst. Dass sich die Grössen über die Jahre nicht nur innerhalb der Labels selbst, sondern auch noch untereinander immer weiter auseinander bewegen, zeigt Buzzfeed zum Beispiel hier auf. Das ist nicht nur verwirrend, es gibt mir auch ein schlechtes Gefühl, wenn ich bei Zara in der Umkleidekabine stehe und die Jeans in Grösse 42 nicht mal über meine Knie hinaufziehen kann.

Und wieder: Es nervt mich, dass ich mich deswegen schlecht fühle. Mich nervt, dass die Freude über eine Lena Dunham, die ihren vermeintlich unperfekten Körper herzeigt, für mich kleiner ist als der Frust darüber, dass ich halt nicht so aussehe wie das pretty girl in meiner neuen Lieblingsserie (momentan übrigens «Please Like Me» und «Good Girls Revolt», grosse Empfehlung für Abende auf dem Sofa und Sonntage im Bett). 

Ich bin mir sehr bewusst, wie sehr Faktoren wie Werbung, Medien und Popkultur meine Vorstellung eines weiblichen Körpers und damit auch die Vorstellung davon, wie mein eigener Körper auszusehen hat, beeinflusst. Und trotzdem kann ich nicht abstellen, dass mich die Extraröllchen über dem Hosenbund stören.

Ich weiss nicht, was die abschliessende Antwort ist. Für mich steht fest, dass ich mich in meinem Körper wohlfühlen will. Und dass das momentan nicht der Fall ist – nicht nur wegen der Rückenschmerzen. Und dass ich es schwierig finde, die Grenze zu ziehen zwischen meinem eigenen Körpergefühl und den verdrehten Ansichten, die ich durch unrealistische «Vorbilder» angenommen haben könnte.

Was sind eure Gedanken dazu?

 

Titelbild: instagram.com/frances_cannon


10 thoughts on “Die Sache mit der Body Positivity”

  • Genau diesen inneren Konflikt führe ich auch regelmäßig seit zwei Jahren.
    Aber ich denke eigentlich, es ist überhaupt kein Widerspruch. Jeder, der sich in seinem Körper (egal wie dieser aussieht) wohl fühlt, sollte das ausleben und zeigen können. Aber wenn du dich nicht wohl fühlst, dann ist das eben so und wenn du etwas machen kannst, um das zu ändern, dann tu es!
    Ich finde wirklich wichtig ist, dass man es für sich selbst macht und nicht für andere.
    Mein Freund sagt mir regelmäßig, wie sehr er meinen Körper mag und ich habe auch nicht das Gefühl, für mein Umfeld dünner sein zu wollen. Aber ich bin nunmal ein Modemädchen (da kann man halt nichts machen) und finde viele Klamotten ästhetisch nunmal ohne Fettröllchen ansprechender. Gesellschaftlich geprägt? Natürlich! Aber diese Prägung geht so schnell nicht weg und ich würde mich gern davor schon gut fühlen.
    xx Magda

    • Danke für deinen Kommentar, Magda!
      Ich finde es schwierig, abzuschätzen, wieviel gesellschaftliche Prägung ist und was nicht. Und ich frage mich jeweils, ob ich nicht zuerst dran arbeiten sollte, mich so, wie ich bin, akzeptieren zu können.

      Aber eben: Es ist ein schmaler Grad und keine einfache Diskussion.

  • Hallo liebe Namensveterin 😁
    Das Thema mit den ungleichen Hosengrössen hat mich diese Woche auch besonders beschäftigt. Ich ging mit meiner Schwester shoppen. Ich kaufte vor ein paar Jahren Handschuhe im Tally Weijl, und wollt mir wieder solche holen. Was mich wirklich schockierte: Ich dachte, ich sei in der Kinderbekleidungsabteilung gelandet!!! Die haben die Frechheit, Hosen in Grösse 36 zu verkaufen, welche meine Schwester nie im Leben passen würden! (Zur Erklärung: Sie trägt Grösse 34 und ist sehr schmal). Die Hosenbundweite hat mich an eine Kinderhose ca. Grösse 152 erinnert. Dass ist doch krank!!! Vor ca. 5 Jahren kaufte ich mir selber dort Hosen in Grösse 38, die 38 heute ist demnach heute eine Kindergrösse 164!!! Da wundert es mich nicht, dass Schülerinnen meiner Klasse *ich arbeite in einer Schule als Praktikantin* , welche in die heutigen Grösse 36 passen, sich zu dick fühlen!!! Wo soll denn das hinführen? Ich finde das ein Verbrechen an den heutigen Teenagermädchen! Ich hatte zu meiner Zeit schon ein schlechtes Selbstbild, da ich einen grossen Po habe und lange brauchte, bis ich in einem Laden eine Hose fand, welche mir passte. Was können wir dagegen tun? Liebe Grüsse Mimi

    • Hallo liebe Miriam 🙂
      Das ist mir auch sehr stark aufgefallen in den letzten Jahren und gerade in solchen Läden, in denen vor allem Teenie-Mädchen einkaufen finde ich es so schlimm zu sehen, dass die grösste Grösse gerade mal einer durchschnittlichen 38 entspricht. Wie du selber schreibst kann das zu einem total schlimmen und verzerrten Selbstbild von so jungen Mädchen führen.

      Was man dagegen tun kann? Ich denke, es ist wichtig, dass gerade Menschen wie du, die direkt mit Mädchen (und übrigens auch Jungs) in diesem Alter zusammenarbeiten auch das Thema Körperbewusstsein auf den Lehrplan nehmen – wenn irgendwie möglich natürlich. Und andererseits kann man immer noch Aufmerksamkeit auf das Thema lenken indem man darüber schreibt, darüber spricht, vielleicht sogar entsprechende Petitionen lanciert. Das Problem ist nur, dass die Einzelhändler ja oft nicht selber darüber entscheiden, welche Grössen verkauft werden bzw wie die sich verändern. Aber den Stein ins Rollen bringen können wir als Endverbraucher allemal.

  • Ich kann Deine Gedanken vollkommen nachvollziehen. Teilweise geht es sogar so weit, dass ich in gewissen Kreisen nicht darüber rede, dass ich jetzt Sport mache oder mich gesund ernähren will – oder irgendwas tue, was in’s männlich geprägte Frauenbild passt.
    Was wird mir aufgedrängt und was will ich selbst? Eine Frage, die ich mir ständig stelle, beinahe in jedem Lebenszusammenhang. Als Produkt einer Gesellschaft kann ich mich einer gewissen Unklarheit bezüglich der Antwort aber nicht entziehen. Ich bin daher zum Schluss gelangt, dass es auch hier einen Kompromiss braucht, der da lautet: Ich muss mich in meinem
    Körper wohl fühlen. Das tue ich dann am meisten, wenn ich mich fit und schön fühle und das erreiche ich durch Sport. Trotzdem entspreche ich in vielen Dingen nicht dem ‚Ideal‘ und das ist auch gut so, denn um ein Ideal soll es ja nicht gehen, sondern nur im mich. Wenn sich meine Vorlieben mit denen des Mainstreams überschneiden sind sie deswegen ja nicht zwangsläufig schlecht – sie snd halt einfach eien Gemeinsamkeit mit dem Rest der Welt.

    Wenn ich mich schön und wohl in meinem Körper fühle, dann bin ich sehr viel stärker und selbstbewusster. Ich erreiche meine Ziele besser, gehe energetischer durch mein Leben – und habe auch noch mehr Zeit, um all den Motzköpfen, die das Wesen des Feminismus‘ nicht verstehen, die Stirn zu bieten. Alle gewinnen.

    Body Postivity sollte doch auch heissen, dass nicht alle mit dem Gleichen zufrieden sein müssen, oder? Egal, ob mehr oder weniger.

    • Liebe Lisa, danke dir für deinen Kommentar. Ich mag die Überlegungen, dass es auch bei diesem Thema vor allem darum gehen soll, was ich bzw wir selber möchten. Und ja, es ist super, mehr Stärke zu haben und den Herausforderungen des Alltags besser entgegen treten zu können!

      Ganz allgemein: Es tut mir gut, hier zu lesen, dass ihr euch auch solche Gedanken macht. Danke fürs Lesen und Kommentieren! <3

  • Danke für den tollen Artikel, hat mir sehr gefallen. Mit „Als Feministin fühlt es sich irgendwie falsch an, wegen den paar Extrakilos genervt zu sein.“ triffst du einen Nagel auf den Kopf.

    Als Mädchen und Frauen dieser Welt wird von uns erwartet, schlank, adrett und nur nicht selbstbestimmt zu sein. Wie Sheila Norgate die Erwartungen mal zusammenfasste: „Thin, thinner, gone. Why don’t women evaporate all together and get it over with.“ https://www.youtube.com/watch?v=Eg8YWzklRrg&t=109s

    Für mich heisst Feministin zu sein gegen solche Haltungen zu kämpfen und Menschen zu ermöglich/zu zeigen dass sie sein können wie sie sind. Sich nicht unterwerfen müssen den zum Teil extremen Vorstellungen, wie weiblich sein sollte. Und sich auch befreien von Scham und Selbsthass, falls man den Ansprüchen nicht genügt. Die Ansprüche sind falsch, nicht der Mensch.

    Ich vermute, dass du dich nervst über deinen Frust, weil du lange Zeit gekämpft hast gegen die Ansprüche. Und jetzt stellst du einen an dich selbst: Ich möchte abnehmen. Und dann noch ein Anspruch, den die Mehrheit vollkommen unterstützen würde. Wurdest du von ihnen beeinflusst ist doch die Frage…

    Ich denke nicht, aber das kannst nur du beantworten. Dass du dich nervst über deinen Frust finde ich gut. Das heisst doch einfach, du hast einen „Alarm“ eingebaut für den Fall, dass du dich der Mehrheit unterwerfen solltest. Dein Unterbewusstsein meldet: „Halt! Ich gehe im Gleichschritt mit allen, ist das wirklich mein Wille?“ Sich in diesem Falle kritisch zu hinterfragen ist meiner Meinung nach eine gute Sache.

    Hab darüber nachgedacht wie man differenzieren kann ob man beeinflusst wurde oder ob man es selbst will. Das ist gar nicht so leicht. Doch ich denke, dass tief in dir drin du das schon weisst. Fühlst du dich stark und selbstbestimmt dabei? Du könntest dich fragen warum du abnehmen willst. Was für Gedanken dich dabei begleiten. „Nur wenn ich dünn bin, kann mich jemand gern haben.“ oder „Die anderen werden schon sehen, dass ich es schaffe.“ klingt für mich mehr nach Fremdbestimmung als „Ich sehne mich nach dem Gefühl fit zu sein.“ oder „Ich möchte wieder tanzen/klettern/schwimmen können, das fühlt sich so gut an.“

    Bezüglich Feminismus/Body Positivity und abnehmen gehe ich mit Lisa einer Meinung. Feministin/Aktivistin für Body Posititvity kann man sein egal welche Zahl auf der Waage steht. Für mich geht es dabei nicht nur darum Menschen mit Übergewicht mehr Wertschätzung entgegenzubringen, sondern den Körper zu lieben. Egal in welcher Form. Das ist doch eine ähnliche Diskussion wie Feminstinnen dürfen sich auch schminken. Femistinnnen dürfen auch High Heels tragen. Verdammt, man soll doch machen dürfen was man will.

    Wie auch immer du dich entscheidest: wünsche dir alles Gute. Und viel Liebe deinem Körper gegenüber. Wenn man sich entscheidet abzunehmen, kann man sehr leicht in eine Selbstgeisselung/Schamspirale hineingeraten… gib bitte auf dich acht, ok? Alles Gute!

    • Danke dir, liebe Cita! Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, den du ansprichst: Ob man es für sich macht oder für Andere. Ich habe nicht das Gefühl, dass man mich weniger mag, wenn ich dicker bin. Ich fühle mich in meinem Umfeld sehr stark für meine Art akzeptiert und nicht für mein Aussehen.

      Finde auch deinen Vergleich gut mit dem Schminken und den High Heels. Ich habe unter anderem darüber schonmal hier geschrieben: http://www.theclitsarealright.ch/was-ich-als-feministin-so-gefragt-werde-und-was-ich-dazu-zu-sagen-habe/

      Ich glaube, für mich steht wirklich die Liebe zu meinem Körper im Vordergrund. Ich will mich fit fühlen und stark. Und nicht in erster Linie „schön“ und schlank sein. Das sind schonmal gute Vorzeichen.

  • Am Ende hat jeder eine eigene Vorstellung von der eigenen Schönheit. Sicher, die ist natürlich auch von der Umwelt geprägt, wir sind ja soziale Wesen. Aber wäre es nicht genauso absurd zu sagen du darfst nicht schlank sein weil das ist voll antifem wie der Size 0 Wahn? Ich plege mich, achte auf mein Gewicht und ja manchmal müssen es die High heels sein. Ich mag schöne Dinge. Das einzige was ich nicht will ist mir Vorschriften machen zulassen, wie ich auszusehen habe.

  • Lustigerweise hatte ich mir dazu in der Art auch schon Gedanken gemacht und habe dazu eine fake it til you make it Einstellung. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich schrecklich dick und hässlich finde und denke immer – eigentlich weisst du es doch besser! Aber ich denke, dass solche Gedanken, so traurig es auch ist, völlig normal sind und ich glaube, dass jeder mal solche Zweifel hat – das ist dann wohl ok 🙂 Und ja, ich rege mich auch schrecklich darüber auf, dass mir manchmal 2kg ‚zu viel‘ die Stimmung trüben…

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