Weibliche Behaarung: Ein Kommentar und ein paar Fragen

Weibliche Behaarung: Ein Kommentar und ein paar Fragen

Füsse in Pumps, jemand sitzt draussen auf einer Bank, die Kamera lässt den Blick an behaarten Beinen entlang gleiten. Eine weibliche Stimme kommentiert aus dem Off: «Das sind Beinhaare, schon mal gesehen? Diese behaarten Beine gehören Christina.»

Beinhaare, klar schon mal gesehen. Oder eben doch nicht? Auch wenn fast jede Frau Haare an den Beinen hat, mal mehr, mal weniger, mal dunkler oder heller, ist das Bild von Christinas behaarten Beinen doch eher ungewohnt.

Die Stimme aus dem Off gehört Eda Vendetta, die gemeinsam mit ItsColeslaw den Youtube Kanal Auf Klo betreibt. In einer Klokabine sitzend bereden die beiden mit verschieden Gästen die unterschiedlichsten Themen, von Schönheitsidealen, zur Menstruation bis eben hin zur Körperbehaarung. So sass Eda kürzlich mit Christina in der Klokabine, welche sich zwei Jahre lang dem Enthaarungszwang widersetzt hat, als Experiment, wie sie immer wieder erwähnt. Wieso wird das stets betont? Der Verweis auf den experimentellen Charakter ihrer Behaarung nimmt dieser in gewisser Weise die Ernsthaftigkeit, wie ich finde. Es kann aber auch eine Art Schutz sein, um negative Kommentare und angestarrt-werden nicht ganz so nah an sich ranzulassen. Wie dem auch sei.

Christina ist hübsch, schön geschminkt, sie trägt langes Haar in Zöpfen (was ich in Anbetracht aktueller Diskussionen um kulturelle Aneignung problematisch finde, aber das ist ein anderes Thema) und einen blauen Rock, der den Blick auf ihre behaarten Beine freigibt.

Christina zeigt auf dem Instagram-Account von Auf Klo ihre Achselhaare, im Rahmen des kreierten Hashtags #allehaaresindschön.

Wenn ihr euch fragt, wieso ich erwähne, dass sie hübsch ist: Ja, tut eigentlich nicht viel zur Sache, aber: Auch in noch so progressiven Köpfen beisst sich die Vorstellung einer «hübschen» Frau (was auch immer darunter zu verstehen ist) und Körperbehaarung, wie beide auch im Laufe des Gespräches erwähnen. Eda erzählt, wie sie mal am Flughafen eine sehr schöne Frau gesehen habe, die sie ständig beobachten musste, weil sie so hübsch war und je näher sie der schönen Unbekannten kam, stellte Eda fest dass « sie […] auf einmal Beinhaare [hatte]». Daraufhin war sie «total perplex, weil ich fand sie doch gerade schön […]». Schlussfolgerung von Eda: Sie habe vergessen, wie das nun mal aussehe. Das ist ihr nicht zu verübeln. Auch ich habe schon bemerkt, dass ich mich teils erschrocken habe, wenn ich die stark behaarten Achseln einer Frau sah, worüber ich mich sogleich ärgerte. Denn ich bin der Meinung jede und jeder soll mit ihren und seinen Haaren machen, was sie oder er will und was gefällt. Dennoch, wie auch Eda festhält, der Anblick eines behaarten Frauenkörpers ist immer noch ungewohnt. Das ist deshalb so paradox, weil wir Frauenkörper viel eher als gemachte, getrimmte Körper kennen und nicht als die «natürlichen» Tatsachen, die sie sind. Christina erzählt, wie sie innerhalb dieser zwei Jahre immer wieder feststellen musste, dass «[…] viele junge Männer keine Ahnung haben… Keine Ahnung hatten, dass Frauen Armhaare haben. Und viele Männer, die schockiert waren… Die wussten einfach nicht, dass Frauen Beinbehaarung haben.»

Ich setze mich schon seit etwa drei Jahren mit der Körperbehaarung auseinander und habe für Seminararbeiten und meine Masterarbeit schon vieles über das Thema gelesen, von Zeitungsartikeln zu wissenschaftlichen Texten, Theorien studiert, mir Youtube Videos und Dokumentationen angesehen, aber solche Aussagen erschüttern mich immer wieder. Ich glaube, schon fast jeder von uns ist es mal passiert, dass ein Freund oder der Freund fragt: «Ah, was du hast da auch Haare?» oder «Oh, was ist das? Du hast da imfall Haare!» Eh nöd?! Ja, ich habe Härchen oberhalb der Lippe, weil ich nun mal ein menschliches Wesen bin und Menschen haben Körperhaare. Fact.

In Anbetracht solcher Reaktionen, des ungewohnten Anblickes, der Werbungen, in welchen IMMER bereits glatte Körperteile rasiert werden, des Geldes und der Zeit, die für das Enthaaren investiert werden, aufgrund negativer und teils auch sehr böser Kommentare, die Frauen erfahren, wenn sie sich nicht rasieren, scheint es ein so einfacher Akt zu sein, sich nicht mehr dem Enthaarungszwang zu widersetzen. Dem ist aber nicht so, wie auch Christina sehr ehrlich aufzeigt. Sie erzählt, wie sie einst fast 20 Minuten weinen musste, weil sie keine Lust hatte auf das Angestarrt werden, auf Kommentare und weil sich die behaarten Beine mit dem schönen, leichten weissen Sommerkleid nicht so gut machten, wie sie dachte. Schliesslich widersetze sie sich mit der Nicht-Enthaarung nicht nur ihren eigenen Gewohnheiten, sondern auch gängigen Erwartungen an weibliche Körper. (Interessant ist, dass sie sich dann doch für das Kleid entschieden hat und noch einen oben drauf setzte, indem sie High Heels dazu trug. Ist das nun eher als wenn-schon-denn-schon zu verstehen oder eher so, dass sie ihre Weiblichkeit verstärkt betonen muss, weil sie nun eben ihre Körperhaare nicht wegmacht?)

Und wer jetzt kommt und meint, jaja eben, nicht enthaarten, nur dann kann man wirklich feministisch sein – denn der Zusammenhang von behaart-Sein und Feministin-Sein ist in vielen Köpfen sehr stark verankert – dem oder der möchte ich sagen: Nein. Meine feministische Haltung wird nicht durch meine Achselhaare definiert. Wer quasi den Umkehrschluss aufstellt von nicht-rasiert = gute Feministin, macht genau dasselbe, wie uns «die Gesellschaft» vorgaukelt; rasiert = gute Frau, nur eben umgekehrt. Der Mechanismus ist aber derselbe: Du musst dich fügen, sonst machst du es falsch. Nein. Der Zusammenhang von Feminismus und Haaren bedeutet für mich, dass ihr mit euren Haaren machen sollt, was ihr wollt. Färbt sie, schneidet sie, lasst sie wachsen, was auch immer.

Das Ganze ist allerdings nicht so einfach. Wir haben gelernt, dass Frauenkörper glatt und fein und geschmeidig sind. Wir haben uns den male gaze einverleibt und wir werden durch den male gaze bewertet. Oft frage mich auch selber: Stören mich die Stöppeli an den Beinen wirklich oder stört es mich, weil es mich die Gesellschaft so gelehrt hat? Die ganze Sache ist also durchaus ziemlich komplex. Das betrifft ja nicht nur den Umgang mit jeglichen Frisuren, sondern auch mit Kleidung, Schminke oder etwa das Tragen von Absätzen. Fakt ist nun mal, dass mit solchen Dingen gewisse Bilder und Vorstellungen reproduziert werden. Was ist die Lösung? Sich, wie Christina, dem Enthaarungszwang widersetzen? Vielleicht. Für Christina mag das ein Schritt Richtung Freiheit gewesen sein, ihre Entscheidung, ihre Wahl, ihr Körper. Einen neuen Imperativ aufzustellen, der das Rasieren untersagt, ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Jede und jeder sollte mit ihren und seinem Körper machen dürfen, was sie oder er will; ihn schmücken oder nicht, sich frisieren, färben, rasieren oder eben nicht. Ist aber nun mal nicht so einfach, weil immer noch ganz viele Menschen das Gefühl haben, sie haben ein Anrecht darauf, den Körper anderer zu kommentieren. Dies zu ändern, ist ein langer und harter Weg, aber vielleicht können uns kurze Gespräche und Inputs Auf Klo dabei etwas helfen.



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